Frank Wedekind-Gesellschaft e.V., Darmstadt

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Hommage zum 100. Todestag von Frank Wedekind

am 9. März 2018

„Sie konnten diesen Gaukler nicht begraben“, so lautet der Schluss des Vierzeilers, den Bertolt Brecht am 20. April 1918 notierte. Am 1. Januar, als Wedekind sein Antikriegsdrama „Herakles“ in der Münchner Kleinbühne „Bonbonniere“ vorlas, war Brecht anwesend gewesen und tief beeindruckt. Betroffen schrieb er in den „Augsburger Neuesten Nachrichten“ (12.3.): „Bevor ich nicht gesehen habe, wie man ihn begräbt, kann ich seinen Tod nicht erfassen“, und war zur Begräbnisfeier am 12. März nach München gefahren. Der plötzliche Tod Wedekinds mit 53 Jahren erschütterte viele Zeitgenossen. Unter riesiger Beteiligung, prominent war die Schriftsteller- und Theaterwelt vertreten, wurde Wedekind auf dem Münchner Waldfriedhof zu Grabe getragen. Die Trauerfeier dauerte gut zwei Stunden. Trauerreden hielten Freunde Wedekinds: Joachim Friedenthal, Max Halbe, Heinrich Mann und Kurt Martens. Der Dichterkollege und Filmdramaturg Heinrich Lautensack ließ die Begräbnisszene filmen.

Im Rückblick auf die mit viel unheiligem Pathos inszenierte imposante Feier äußerte sich Brecht in seinem Vierzeiler kritisch: „Sie standen ratlos in Zylinderhüten / wie um ein Geieraas. Verstörte Raben.“ In den späteren Nachrufen, in gefestigter Gemütsverfassung und in vorgeblich treuer Erinnerung an ein Begräbnisschauspiel, ja an ein Spektakel, suchten die Zeitgenossen Wedekind als Dichter gerecht zu werden. Wedekind als Gaukler – als ein täuschender Zauberkünstler, welcher der Bürgerwelt einen blitzenden Spiegel vorhält – oder als eine geistige Größe, die, eigenwillig, „sich nie innerhalb der Formen unserer Welt gefügt“ hat. An Stefan Zweigs bereits 1914 gefälltes Urteil lässt sich ein späteres Wort Heinrich Manns über Wedekind als Theaterautor anschließen, wenn er von dessen „geschriebenen Sätzen“ spricht, die sich „als lebendes Wort in die Seele graben“ (1923). Schweigen wir von den reaktionären Hetzern, die Wedekind einst als Skandalautor denunzierten.

Heute können wir eines der größten deutschen Theaterautoren des 20. Jahrhunderts gedenken. Fest im kulturellen Gedächtnis sind seine Kindertragödie „Frühlings Erwachen“, sein Schauspiel „Der Marquis von Keith“ und die „Lulu“-Tragödie verankert. Von Meisterwerken sprachen bereits die Zeitgenossen, die sich unter dem Leitwort „Moderne“ für eine Erneuerung der Literatur und der Künste engagierten. In herzergreifenden Bildern erzählt in lockerer Szenenfolge der ‚Roman‘ „Frühlings Erwachen“ von den Krisen der Adoleszenz, als Tragödie adressiert an die so oft um Verständnis verlegene Erwachsenenwelt. Von der Leidenschaft und Schönheit des Eros und des Missbrauchs alles Lebendigen handelt die Rede von „Lulu“. Dramatisch hoch aufgeladene Dialoge, Berichte und Beobachtungen aus der Welt der Bourgeoisie und der sie komplettierenden Halbwelt, bestimmen die Handlung von Station zu Station, fünf Akte in harten Schnitten aneinander gereiht. Es scheitert, so Wedekind, „das menschlich Bewußte“, das sich „unter allen Umständen immer so maßlos überschätzt, am menschlich Unbewußten“. Die Verquickung von Kunst und Kommerz thematisiert der von Phrasen und Sentenzen durchsetzte „Marquis von Keith, die Kunst- und Kulturindustrie in ihrer hektischen Betriebsamkeit und klassenspezifischen Selbstinszenierung entlarvend. Zum geflügelten Wort wurde: „Das Leben ist eine Rutschbahn.“

Wedekind ist, so wusste es der scharfsinnige Kritiker Karl Kraus, der „erste deutsche Dramatiker, der wieder dem Gedanken den langentbehrten Zutritt auf das Theater verschafft hat.“ (1905) Als Künstler gehörte Wedekind, wie Brecht für das 20. Jahrhundert sagte, „mit Tolstoi und Strindberg zu den großen Erziehern des neuen Europas.“ (1918) Wir erinnern zum Todestag am 9. März 2018 an einen Autor, der auf der großen Bühne wie auch auf der des Kabaretts sich für eine Revolutionierung in Kunst und Gesellschaft einsetzte. Diese Leidenschaftlichkeit lebt in seinen Werken. Große Kunst ist, cum grano salis verstanden, unsterblich. Ihrer bedarf auch ein Europa des 21. Jahrhunderts dringender denn je.

Literaturhinweis:

Ariane Martin: „Sie konnten diesen Gaukler nicht begraben.“ Zum 100. Todestag Frank Wedekinds (1864-1918). Zeitschrift für Germanistik. Neue Folge, Bd. 28, 2018, H. 1, S. 102-111.

Neuerscheinungen:

Frank und Tilly Wedekind. Briefwechsel 1905-1918. 2 Bände: Briefe und Kommentar.

Herausgegeben von Hartmut Vinçon unter Mitwirkung von Elke Austermühl, Miroslav Brei, Wolfgang Finn, Martin Hahn, Inge Opitz und Katharina Penner.

Wallstein Verlag. Göttingen 2018.

Die hochemotionale Korrespondenz des Künstlerpaares gibt Einblicke in ein sozial, kulturell und politisch tief bewegtes Leben zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918):

Frank Wedekind (1864-1918) trifft – inzwischen erfolgreicher Bühnenautor – 1905 anlässlich der Wiener Premiere seiner Tragödie „Die Büchse der Pandora“ auf die junge Provinzschauspielerin Tilly Newes (1886-1970) aus Graz. Karl Kraus hat gegen den Widerstand der Wiener Zensur eine geschlossene Veranstaltung durchsetzen können. Tilly Newes wird die Lulu spielen, die Hauptrolle, eine Riesenchance für sie. Wedekind, kein gelernter Schauspieler, übernimmt die Rolle von Lulus Mörder. Unter den Zuschauern befindet sich der junge Alban Berg, der Jahre später den Plan zur Komposition der Oper „Lulu“ fasst. Das Wiener Zusammentreffen Tilly Newes‘ und Frank Wedekinds bildet den Auftakt zu einer leidenschaftlichen Beziehung. Verlobung und Ehe werden ein Jahr später durch einen Selbstmordversuch Tillys erzwungen. Seit der Eheschließung treten sie gemeinsam in Wedekinds Stücken auf, eine Attraktion für das Publikum. Tilly Wedekind hat ihr Ziel erreicht. Sie ist als gerühmte Schauspielerin in den Theatermetropolen Berlin, München, Wien und Zürich angekommen. Aber das stressige Theaterleben, sie sind ständig auf Tour, hat seinen Preis. Tilly Wedekind verfällt immer wieder in Depressionen. Auch Wedekinds Nervenkostüm ist kaum stabil. Der Krieg bricht aus. Die Theaterverbote häufen sich. Die Einnahmen schwinden. Die Beziehung droht zu zerbrechen. Ende 1917 unternimmt Tilly Wedekind einen zweiten Selbstmordversuch. Wedekind – auf Theatertournee in der Schweiz – eilt nach München zurück. Die Scheidung wird erwogen. Wegen einer nichtverheilenden Bauchoperation begibt er sich zur Nachoperation ins Krankenhaus, holt sich dort eine Lungenentzündung und stirbt. Am 12. März 1918 wird er, eine riesige Menschenmenge säumt den Trauerzug, zu Grabe getragen.

Frank Wedekind. Der Marquis von Keith. Schauspiel in fünf Aufzügen. Herausgegeben von Ariane Martin. Reihe: Frank Wedekind - Werke in Einzelbänden. Band 1. Wallstein Verlag. Göttingen 2018.

Martin, Ariane (Hg.): Heinrich Lautensack: Ein Requiem. Ein Dokumentarfilmprojekt über die Beerdigung Frank Wedekinds. Kommentierte Neuedition des Drehbuchentwurfs, mit Materialien im Anhang. Wedekind-Lektüren, Band 7. Verlag Königshausen & Neumann. Würzburg 2018.