Briefedition

Zur Überlieferung der Frank Wedekind-Korrespondenz

Nachweislich überliefert sind bislang:

  • 1690 Korrespondenzstücke von Wedekind
  • 1602 Korrespondenzstücke an Wedekind
  • ca. 710 Korrespondenzstücke von und an Wedekind sind davon bislang veröffentlicht.

Namhafte Briefpartner waren u.a.:

Herrmann Bahr, Fritz Basil, Otto Julius Bierbaum, Björnsterne Björnson, Otto Brahm, Georg Brandes, Richard Dehmel, Fritz Engel, Gertrud Eysoldt, Max Halbe, Maximilian Harden, Beate und Carl Heine, Heinrich Lautensack, Karl Henckell, Emma Herwegh, Arno Holz, Siegfried Jakobsohn, Leopold Jessner, Alfred Kerr, Karl Kraus, Artur Kutscher, Albert Langen, Heinrich und Thomas Mann, Kurt Martens, Emil Meßthaler, Erich Mühsam, Georg Müller, Olga Plümacher, Walther Rathenau, Ernst Rowohlt, Adele Sandrock, Felix Salten, Richard Schaukal, Georg Stollberg, Franz Werfel, Kurt Wolff, Martin Zickel, Stefan Zweig.

Außerdem liegen Korrespondenzen aus dem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis vor:

Überliefert sind Korrespondenzen u.a. mit den Eltern und Geschwistern, mit seiner Frau Tilly, mit seinem Sohn Fritz Strindberg, mit Freunden und Bekannten wie z.B. Gertrud Arnold, Bertha Maria Denk, Lotte Dressler, Minna von Greyerz, Hermann Huber, Mary Irber, Bertha Jahn, Willy Morgenstern-Rudinoff, Fanny Oschwald, Julie Rickelt, Anna von Seidlitz-Langheinrich, Oscar Schibler, Carl Schmidt, Marie Uhl, Adolph Vögtlin, Richard Weinhöppel, Anna und Hildegarde Zellner.

Bislang im Druck erschienene Brief-Editionen von und an Frank Wedekind

Frank Wedekind. Gesammelte Briefe. Herausgegeben von Fritz Strich. 2 Bände. München 1924.

Briefe Frank Wedekinds. Herausgegeben von Karl Kraus. Die Fackel 21, 1920, Nr. 521-530, S. 101-135, u. 23, 1921, Nr. 583-587, S. 31.

Frank Wedekind und Georg Brandes. Unveröffentlichte Briefe. Herausgegeben von Klaus Bohnen. Euphorion 72, 1978, S. 106-119.

Eine Lenzburger Jugendfreundschaft. Der Briefwechsel zwischen Frank Wedekind und Minna von Greyerz. Herausgegeben von Elke Austermühl. In: Reihe „Pharus“, herausgegeben von der Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind, Bd. I, Darmstadt 1989, S. 343-420.

Frank Wedekind und Hermann Plümacher. Unveröffentlichte Briefe. Herausgegeben von Manfred Luchsinger. In: Reihe „Pharus“, herausgegeben von der Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind, Bd. I, S. 421-442.

Briefwechsel Frank Wedekind – Maximilian Harden (1897-1917). Herausgegeben von Ariane Martin. In: Frank Wedekind, Thomas Mann, Heinrich Mann. Briefwechsel mit Maximilian Harden. Herausgegeben, kommentiert und mit einem einleitenden Essay von Ariane Martin. Reihe „Pharus“, herausgegeben von der Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind, Bd. V, Darmstadt 1996, S. 49-142.

Eine Liebe von Frank. Der Briefwechsel zwischen Frank Wedekind und Berthe Marie Denk. Herausgegeben von Elinor Waldmann. Text und Kritik 1996, Nr. 131/132, S. 99-120.

[Korrespondenz Walther Rathenau-Frank Wedekind]: Walther Rathenau. Briefe. 2 Teilbände. Herausgegeben von Alexander Jaser, Clemens Picht und Ernst Schulin. Düsseldorf 2006 (= Walther Rathenau-Gesamtausgabe, Bd. V/1 und V/2).

Karl Kraus - Frank Wedekind. Briefwechsel 1903 bis 1917. Mit einer Einführung. Herausgegeben und kommentiert von Mirko Nottscheid. Würzburg 2008 (Wedekind-Lektüren, herausgegeben von der Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind, Bd. 5).

Anmerkungen zur Auswahlausgabe der Briefe Frank Wedekinds durch Fritz Strich

Fritz Strich leitete seine Edition der Briefe Frank Wedekinds (1924) mit den Worten ein: „Es pflegt der Sinn von Briefsammlungen bedeutender Dichter zu sein, dass ihre Briefe im Unterschied von ihren Dichtungen, welche ihr Erlebnis in so abgerückter und objektiv gewordener Gestaltung geben, dass man den Menschen nicht mehr in ihnen finden kann, dies Erlebnis unmittelbar und an der Quelle zeigen, wodurch der Mensch als solcher sichtbar wird.“ (Fritz Strich: Vorwort, geschrieben 1923, Band 1, S. 1). Die Begriffe Dichtung und Erlebnis signalisieren deutlich, dass Strichs Literaturverständnis durch Wilhelm Diltheys dichtungstheoretische Schriften angeregt und beeinflusst ist, in welchen dieser kritisch zwischen Dichtung und Erlebnis trennte, um beides im Begriff des Symbolischen, wodurch wahre Dichtung sich auszeichne, wieder zu vereinigen. Biographologie wandte und wendet sich dem Bio-Graphischen zu und meint aus dem, was sie unter biographischen Quellen versteht (z.B. Briefe und Tagebücher), Dichtung erschließen und verstehen zu können. Wer die Vita eines Autors detailliert kennt, so die Annahme, hat sich nicht nur den Schlüssel zum Werk sondern auch zu dem angeblich in ihm vermittelten Erlebten verschafft. Im Fall Wedekinds ist jedoch, so sah es Strich, „das Verhältnis von Brief und Dichtung umgekehrt“ (Strich, Band 1, S. 1): Kein zweiter Dichter habe sich so rückhaltlos und rücksichtslos in seinem Werk gegeben wie Wedekind. Sein Werk sei Dokument einer großen Konfession. Aber erst in seinen Briefen ließe sich sein wahres Menschenbild erkennen. „Es ist unendlich mehr Distanz und Undurchdringlichkeit und Abgerücktheit in ihnen, als in seinen Dichtungen.“ (Strich, Band 1, S. 2) Unwillkürlich sprach Wedekinds Zeitgenosse jedoch aus, wie schwierig es ihm erschien, sowohl Werk als auch Person zu erfassen. Den ‚Bekennenden’ kann er in den Briefen nicht entdecken, und dessen Werke gelten ihm zuallererst als Ausdruck eines radikalen Subjektivismus, hinter dem die gesellschaftskritischen Aspekte sich verbergen. In seiner Kritik der Edition Strichs warnte Martin Sommerfeld den Leser: Der „Briefwechsel“ wird „denjenigen enttäuschen, der in Wedekinds Briefen eine bequeme und weitläufige Selbstdarstellung des Menschen und eine ohne weiteres ergiebige Quelle für die Meinungen und Taten des Schriftstellers erwartet hat.“ (Martin Sommerfeld: Frank Wedekinds Briefe. In: Die Literatur 28, 1925/26, S. 268-269, hier S. 268) Irrtümlich ist von einem Briefwechsel die Rede!
   Strichs wie Sommerfelds Brieflektüren verraten, wie sehr Brief-Editionen, wenn in ihnen nicht die Briefpartner einbezogen sind, das Interesse an der Person festlegen und die Wahrnehmung lenken. Ihr subjektiver Blick auf die Person, welcher den Autor individuell zu fixieren sucht, misslingt. Enttäuscht versuchen beide, Wedekind unter dem Bild der Maske zu begreifen, als einen, der sich verhüllt, so dass die Briefe fast wichtiger erscheinen in dem, was sie verschweigen, als in dem, was sie eröffnen. Strich sah in Wedekind vor allem den Kämpfer: seine Briefe zeigen „plastisch und lebendig“ den „Kampf eines einsamen Menschen nach allen Seiten hin“. Er griff sehr hoch, wenn er daraus folgerte, dieser Kampf habe „das Leben Wedekinds selbst zu einer Tragödie“ gemacht (Strich, Band 1, S. 5). Sommerfeld präparierte aus den Briefen den Typus des ewig Gehetzten, eines „Menschen der Flucht“: was sie dokumentieren „sind nur die Stationen seines Weges, das Ziel verraten sie mit keiner Silbe“ (Sommerfeld, S. 269). Falsch sind solche Einschätzungen nicht generell. Zweifellos gelang es Wedekind erst spät, sich als Schriftsteller mit seinen Stücken auf dem Theater durchzusetzen und hohe gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu erreichen. Einen kompetenten Verleger gewann er erst 1895 mit Albert Langen, Zugang zu den großen Bühnen Deutschlands erst nach 1900 vor allem über das Berliner Deutsche Theater unter Max Reinhardt. Erst spät entdeckten prominente Publizisten wie Maximilian Harden, Alfred Kerr und Karl Kraus die Modernität seiner den literarischen Naturalismus überwindenden dramatischen Werke. Die Zensur begann früh, Wedekind mit Aufführungsverboten seiner Dramen sowie seiner Gedichte und Lieder zu verfolgen. Auf richterlichen Beschluss hin wurde die Vernichtung der erste Buchausgabe der „Büchse der Pandora“ (1903) „wegen der Verbreitung der objektiven Unzüchtigkeit der Druckschrift“ (STA 3/II, S. 1180) angeordnet.
     Dies alles ist bekannt. Weniger beleuchtet als der individuelle Lebensweg aber ist der soziokulturelle Kontext, in dem sich die Individuation Wedekinds vollzog, über deren soziale Festlegungen sich Wedekind selbst wohl bewusst war. Sommerfeld bemerkte ganz richtig, wie sehr Wedekind seine sog. dichterische Berufung als „Arbeit“ verstand, wenn er notierte, „meist […] spricht [Wedekind] von Geschäft und Erfolg wie ein businessman und gibt sich überhaupt gern das Ansehen eines gewandten Geschäftsmannes und kühlen Rechners, der die bürgerlichen Gegebenheiten weniger zu analysieren als zu nutzen bestrebt scheint“ (Sommerfeld, S. 268). Umfassend wahrnehmbar wird die soziokulturelle Einbettung einer Vita und einer schriftstellerischen Karriere u.a. erst durch die Gegenbriefe, nicht zuletzt im Fall Wedekinds auch durch die vielen offenen Briefe, die er als etablierter Autor publikationsstrategisch geschickt zu lancieren wusste. Die Briefwechsel zeigen, wie eng sein literarisches Schaffen mit den künstlerischen Kreisen der Zürcher, Münchner und Berliner Moderne verbunden war und wie aufmerksam er seine Wirkung in der Öffentlichkeit verfolgte. Wedekind wusste sich in Position zu bringen. Davon erzählen auch die meist noch unveröffentlichten Familien- und Jugendbriefe. Sie geben detailreiche Hinweise auf die diffizile Emanzipation aus der kulturellen Enge wie aus der sozialen Intimität kleinstädtischer Verhältnisse und patriarchaler Familienstrukturen. Davon erzählen auch die vielen, von Wedekind verbissen geführten Konflikte, sei es in Verlags- und Theaterangelegenheiten oder, wie erwähnt, im öffentlich ausgetragenen Kampf mit den Zensurbehörden. Davon erzählen auch seine Verbindungen zu kulturell einflussreichen Persönlichkeiten, die ihm – wie z.B. über Maximilian Harden und Walther Rathenau – auch Wege in die politische Szene jener Epoche eröffneten. Auch opportune Rücksichtnahme auf die Eigenheiten und Eitelkeiten seiner Briefpartner, Strich spricht von diplomatischer Höflichkeit (Strich, Band 1, S. 2), ist Wedekinds Briefen nicht fremd. Mit keiner öffentlich einflussreichen Person, sofern sie von ihm als ‚Partei’ begriffen war, wollte er es sich verderben. Er überließ es Harden, Kerr und Kraus, sich zu katzbalgen. Wedekind plante seine Briefe sorgfältig, wie seine vielen Briefentwürfe bezeugen, die er – sie nuanciert überarbeitend – anschließend wohlformuliert ausführte. Stilistisch gehört er zu den großen Briefschreibern seiner Epoche.
   Vor allem aber ist nicht zu vergessen, welch zahllose Aufschlüsse über die Produktion und über die Rezeption seiner Werke sich aus der umfangreichen Korrespondenz ergeben und welch vielfältige Anregungen und Unterstützungen für sein literarisches Werk Wedekind durch seine Briefpartner von früh an wie z.B. durch Oskar Schibler, Olga Plümacher und Beate Heine oder später durch Maximilian Harden, Karl Kraus, Alfred Kerr, Erich Mühsam, Heinrich Mann, Walther Rathenau u.a. erfuhr. Besonders erwähnt sei die Korrespondenz mit ihm befreundeter Frauen wie z.B. mit Bertha Jahn, Minna von Greyerz oder Bertha Maria Denk. Aus ihr lässt sich erfahren, wie empfindlich und konfliktgeladen in jener Epoche des sozialen Umbruchs Beziehungen zwischen Frauen und Männern sich gestalteten, in einer Epoche, in welcher – nicht zuletzt durch die mächtigen Impulse der Frauenbewegung – die Geschlechterverhältnisse und -rollen in Freundschaft, Liebe, Ehe, Familie und Beruf neu verhandelt wurden. Ausführlich bezeugt dies der unveröffentlichte, umfangreiche und hochdramatische Briefwechsel zwischen Tilly Newes-Wedekind und Frank Wedekind. Gerade diese Korrespondenz macht sichtbar, wie schwierig es war und – immer noch – ist, sich sozialer Konformität zu entziehen und neue Wege jenseits sozialer Normen und Grenzziehungen zu gehen.