Ein Rückblick ins Jahr 2013

Helene Hegemanns Inszenierung „Musik – I make hits motherfucker“

Immerhin wird wahrgenommen, dass Wedekinds „Musik“ nicht zuletzt sich gegen das zur Religion erhobene Musiktheater Wagners richtete. Es war aber auch gegen den Abtreibungsparagraphen 218 geschrieben, so geschickt verpackt, dass die törichten Herren der deutschen Zensurbehörden – diesmal ausnahmsweise – auf das Sittengemälde nicht mit einem Verbot der Aufführung reagierten. Überwiegend negativ haben unsere Kunstrichter/innen heute Hegemanns Multimedia-Spektakel kritisiert. Dabei verdient der Mut der sog. Jungautorin durchaus Respekt, das Thema Musik zu aktualisieren, wie schon im Untertitel angekündigt. Wenn man sich schon an diesem hübsch coolen aufhängt (Regine Müller, nachtkritik.de v. 7.12.13), dann sollte gesagt werden, woher er stammt, aus dem Song Liquorice der US-amerikanischen Rapperin Azealia Banks (Jg. 1991). Immerhin ist dies ein Verweis auf die Szene, den Verwertungsbetrieb unserer Pop-Kultur, bevor es vorschnell heißt: aha, schon wieder geklaut, oder anders gesagt: halt zitiert, das kennt man so …

Regine Müller meint, tatsächlich sei „Musik“ langatmiges, fahriges, dabei kreuzbraves und aseptisches Theater. Ungeniert bediene sich auch der Komponist Michael Langemann über weite Passagen bei Wagners „Tristan und Isolde“, zitiere wörtlich die Venus-Szene aus dem „Tannhäuser“, lasse hier ein bisschen Britten-Kolorit durchschimmern, bisweilen auch Janacek und zwecks Spannungsaufbau bei dramatischen Szenen auch den Beat der amerikanischen Minimalisten. Langemann reiße generell nur an, ohne einen wirklich spezifischen Ton zu finden, und Helene Hegemanns Regie sei ein Totalausfall und die ganze Dramaturgie trete bereits nach spätestens 30 Minuten auf der Stelle. Dem Mangel würden auch Kathrin Krottenthalers gelungene Videos nicht abhelfen, welche die Orchesterzwischenspiele bebilderten, aber ansonsten keinerlei dramaturgische Funktion hätten. Wie auch die ungelenk banalen Tanzeinlagen einer sechsköpfigen Truppe (Choreographie: Athol Farmer), die so überflüssig wie unverständlich seien.

Die Inszenierung ist offensichtlich nicht nach dem Geschmack Regine Müllers, und sie bezeichnet sie daher als Totalgesamtkunstwerkausfall. Ihrer Kritik sekundiert Stefan Keim in der Zeitung „Die Welt“ (11.12.13), wenn er schreibt, die Uraufführung scheitere an überraschender Biederkeit. Doch stecke in dieser misslungenen Theateraufführung immerhin ein guter Kurzfilm. Mit 80.000 € stiegen, erinnert Regine Müller, das Kultursekretariat NRW und die Kunststiftung NRW bereitwillig in das Experiment der Kölner Oper in der Ersatzspielstätte im Mülheimer Palladium mit ein. Ach, wenn's denn mal ein echtes Experiment geworden wäre! Mehr Sympathie bringt Michael Struck-Schloen in der Süddeutschen Zeitung (8.12.13) Hegemanns Versuch entgegen, nicht das Musiktheater erneuern zu wollen, sondern Pop, Kult und Musikindustrie auf die Bühne der Bühnen zu bringen. „Musik“ sei selbst in seinen anfängerhaft unausgegorenen und langatmigen Passagen, ein wunderbar unbescheidenes, jugendfrisches und poetisches Spektakel, das die Oper zwar nicht reformiert, aber das Gesamtkunstwerk ins Leben holt. In’s ‚echte‘ Leben? Wann, Wo und Wie ließe es sich heute von einem ‚unechten‘ unterscheiden?

Schön die Beobachtung von Gerhard R. Koch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.12.13): Immer wieder wird Wedekinds Text rezitiert, der wie in einem Palimpsest präsent bleibt, übermalt indes mit einem dichten Geflecht von Hegemannschen Sätzen, die gleichwohl sehr oft auch als Jugendjargon-Slogans wahrgenommen werden können sowie mit zahlreichen Zitaten von Pop-Größen, David Bowie, Bob Dylan und anderen. Ein Netz von semantisch-ikonographischen Allusionen überzieht das Ganze, das mit dem Begriff Collage nicht gut getroffen wird - eher kommen einem barocke Manierismus-Topoi wie Pasticcio oder mehr noch Concetto in den Sinn. Oder man kann es auch einfach ein Text-Sammelsurium nennen. Ja, lässt sich retournieren, alles kann in alles übergehen, zerfließen, sich zerstreuen – wie jeder Hype, den der nächste überdröhnt. Man wird dabei nicht gleich der Kultur ins Maul scheißen. In Köln-Mülheim waren nur fünf Aufführungen bis zum 22. Dezember angesetzt, als wollte man pünktlich vor dem Heiligen Abend das Spektakel abservieren.

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