Frank Wedekind zum 150. Geburtstag

Am 24. Juli 2014 jährt sich zum 150. Mal der Geburtstag des großen Dramatikers, Prosaisten und Lyrikers Frank Wedekind (1864-1918).

Wedekinds WeltAm Ende war ich doch ein Poet ...Im Münchner Theatermuseum wurde am Geburtstag die große Ausstellung über Wedekinds Welt. Theater – Eros – Provokation eröffnet, kuratiert von Manfred Mittermayer, Salzburg. Zur Ausstellung publizierte das Theatermuseum unter demselben Titel im Henschel-Verlag (Leipzig) ein Begleitbuch mit 150 farbigen und s/w Abbildungen, herausgegeben von Manfred Mittermayer und Silvia Bengesser. Die Ausstellung ist bis zum 11.1.2015 täglich (außer montags) von 10.00 bis 16.00 Uhr geöffnet.

Im Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) ist zum Jubiläumsjahr die große wissenschaftliche Einzeldarstellung von Hartmut Vinçon (Herausgeber der Kritischen Ausgabe der Werke Frank Wedekinds, 15 Bände, 1994-2013) erschienen: Am Ende war ich doch ein Poet …“ Frank Wedekind. Ein Klassiker der Literarischen Moderne. Werk und Person. Eine wissenschaftliche Erzählung, 346 S., begleitet von 256 s/w Abbildungen.

Außerdem finden Sie hier ein Portrait von Frank Wedekind (Download als PDF)

Die Wut der Öffentlichkeit auf den Theaterschriftsteller Wedekind

Frank Wedekind zum 150. Geburtstag am 24.7.2014

Kaum ein anderer deutscher Autor hat mit seinen Stücken in der Epoche des Fin de siècle so viel Unruhe auf dem Theater gestiftet wie Frank Wedekind. Die von ihm auf der Bühne zur Sprache und zur Gestalt gebrachten Themen versetzten sein Publikum, seine Kritiker und die Zensoren des Kaiserreichs stets in einen öffentlichen Erregungszustand. Frank WedekindDabei dauerte es lang, bis erstmals eines seiner Werke aufgeführt werden konnte: 1898 die Tragödie Der Erdgeist im Leipziger Krystallpalast. Um seinem im Titel sich ankündigenden symbolkräftigen Stück zum Erfolg zu verhelfen, spielte Wedekind selbst eine der männlichen Hauptrollen, den Pressemagnaten Dr. Schön. Höchste kulturelle Aufmerksamkeit erreichte der Autor erst, als das Kleine Theater Berlin unter der Leitung Max Reinhardts Erdgeist mit Gertrud Eysoldt in der Rolle der Lulu 1902 in den Spielplan aufnahm. Wedekind, bei der Premiere nicht anwesend, schrieb an Eysoldt dankbar: Erlauben Sie mir, Ihnen den Ausdruck schrankenloser Bewunderung zu Füßen zu legen für den herrlichen Sieg, den sie über das spröde ungefüge Material meines Stückes davongetragen haben, und Ich wünschte nur, fügte er an, Sie recht bald selber als Lulu bewundern zu können, mich davon überzeugen zu können, mit welchen Zaubermitteln Sie die Wuth des Publikums niedergehalten und siegreich überwunden haben. Die Wut des Publikums, damit brachte Wedekind auf den Punkt, womit er zu rechnen hatte. Diese drohende Wut rührte daher, weil er mit seinen Stücken an den Grundfesten der bürgerlichen Weltordnung des Kaiserreiches rüttelte. Überdies war er just 1898 als Politsatiriker der illustrierten Wochenschrift Simplicissismus dem deutschen Obrigkeitsstaat unliebsam aufgefallen, weil er mit zwei Gedichten, Im heiligen Land und Meerfahrt, die Propaganda verhüllter imperialer Interessen deutscher Außenpolitik zu demaskieren wagte. Wegen der Publikation der Gedichte wurde er wegen Majestätsbeleidigung 1899 zu einer siebenmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Umgewandelt in Festungshaft auf Burg Königstein, in der einst auch August Bebel einsaß, feierte Wedekind dort oben seinen Eintritt ins 20. Jahrhundert. Im Februar 1900 kam er wieder frei. Seitdem stand er ständig unter Beobachtung durch die polizeiliche Zensur. Die sittlichkeitsentrüstete Wut des Publikums und die politische Verfolgungswut des Deutschen Reiches – das eine war nicht ohne das andere zu denken.

Der Bürger im Staat und der Staat im Bürger reichten sich einander die Hände, als sofort nach der Nürnberger Uraufführung der Tragödie Die Büchse der Pandora gegen Verleger und Autor wegen Verbreitung einer unzüchtigen Schrift 1904 anonym Anzeige erstattet wurde. Der dadurch angestoßene Prozess zog sich über zwei Jahre hin und endete mit einem Freispruch der Angeklagten. Wegen ihrer angeblich objektiven Unzüchtigkeit waren jedoch die Druckschrift sowie die zu ihrer Herstellung bestimmten Platten und Formen, so das Urteil des Berliner Landgerichts, unbrauchbar zu machen.[1] Nach langwierigen, schwierigen Verhandlungen mit der Berliner Zensurbehörde – eingeholt waren vom Deutschen Theater Berlin Gutachten u.a. von Maximilian Harden, Gerhart Hauptmann und Erich Schmidt – konnte endlich auch die Kindertragödie Frühlings Erwachen, 15 Jahre nach ihrer Buchpublikation, am 20.11.1906 uraufgeführt werden. Proteste gegen die Aufführung dieses Stücks wurden und werden immer wieder laut. Konservativ bis obrigkeitshörig geprägte Zeitgenossen Wedekinds etikettierten und diffamierten den Schriftsteller als Querulanten, Bürgerschreck, Satanisten, Erotomanen, Sexualneurotiker … die Liste solcher Plattitüden ließe sich locker fortsetzen. Des Klischees Skandalautor bedienen sich bis heute als Label für Werk und Person Wedekinds die Massenmedien, ohne dass deren Agenten sich dessen fragwürdigen Ursprungs bewusst wären. Allein schon fragwürdig genug ist, wenn an die Stelle der Zensur als Kunstrichter der Skandal tritt und für die kritisierten gesellschaftlichen Zustände als Skandalstifter der Autor verantwortlich gemacht wird.

Woher rührte die offene wie versteckte Wut gegen Wedekind? Das lag natürlich nicht schlicht an gesellschaftlich heißen Themen – Tabubrecher waren auch andere –, denen Wedekind auf dem Forum Theater Öffentlichkeit verschaffen wollte, sondern daran, wie er sie behandelte. Jedes Mal, wenn der Vorhang zu einem seiner Stücke aufgeht, ist es ratsam, am Theaterhimmel ein sich entfaltendes Spruchband zu denken: Einfühlung verboten! Wahr ist das Diktum Karl Kraus‘, Wedekind war der erste deutsche Dramatiker, der wieder dem Gedanken den langentbehrten Zutritt auf das Theater verschafft hat.[2] Das schmälert nicht den Unterhaltungswert seiner Dramen. Wünschenswert ist, wenn Wedekind inszeniert wird, dass Regisseuren wie Schauspielern der Humor für das Rollenspiel der Dramatis Personae nicht ausgeht. Als idealer Zuschauer ließe sich ein Beobachter denken, der distanziert das Spiel verfolgt und die Bocksprünge und Salti mortali der Handlung wie der Spieler zu beurteilen sowie über sie zu lachen versteht. Dieser beobachtende Humor wäre nicht einfach Weltverlachung im Sinn Jean Pauls, sondern zugleich Selbstverlachung, was kein geringes Kunststück darstellt.

Frühlings Erwachen: Der Titel kündet von einem jugendlichen und von einem ästhetischen Aufbruch. In raschem Wechsel reiht sich Szene an Szene. Jede Szene besitzt Bildcharakter. Insgesamt ergeben sie einen Bilderbogen. Festgehalten sind flüchtige Augenblicke, stimmungsvolle und bedrohliche. Lebenstragik ist erstmals nicht von der Fallhöhe hoch gestellter Personen abgeleitet. Erzählt wird die Geschichte eines von der Gefahr des Misslingens bedrohten Aufbruchs heranwachsender Jugendlicher. Vergegen-wärtigt werden ihre sexuellen Orientierungsversuche. Gerührt wird an kulturelle Tabus. Darüber sprechen – wenn auch stockend, als ob ihnen Fremdes die Zunge lähmte – Jugendliche unter sich. Entsprechend verhalten sie sich: tastend, zögernd, neugierig, ausprobierend. Ihre aufwallenden Gefühle drängen, beflügeln und quälen. Der schulische Druck, hast du schon deine Hausaufgaben gemacht, wirkt wie ein ständiges Störfeuer. Zielscheibe der Wünsche, Hoffnungen und Forderungen ihrer Eltern zu sein, stärkt nicht unbedingt ihr keimendes Selbstbewusstsein. Idole und Wunschträume geistern durchs Gehirn. Geschlechterrollen werden, dem entkommt keiner, eingeübt. Untereinander wird um Freundschaft geworben oder auch gemobbt. Es ist ein Balancieren auf schwankendem Seil. Mancher stürzt ab.

Wedekind hat als erster deutscher Dramatiker Kinder als Hauptpersonen auf die Bühne gestellt. Doch ist Frühlings Erwachen keine klassische Tragödie. Die Kinder verursachen weder eine Tragödie, noch taugen sie zu Helden. So hoch hat keiner sich hinauf geturnt, dass er einen tiefen Fall täte. Es ist ein trauriges Spiel, das mit den fast noch wie Kinder aussehenden und agierenden Jugendlichen getrieben wird und in dem sie mitspielen. Das besitzt durchaus – gewollt wie ungewollt – auch Komik. Ihre Sprache auf hohem Kothurn ist anrührend und leicht zu belächeln. Vom Standpunkt eines distanzierten Zuschauers aus gesehen, wirken sie wie Traumtänzer auf unebenem Boden, durch den sie gefährdet sind zu taumeln, auszurutschen, zu stolpern, zu fallen … nicht tief, aber manch einer wie Moritz ins Grab, um mit erhabenem Humor auf die närrische Welt unten herab zu blicken. Närrisch nicht nur deshalb, weil sich anscheinend alles um Vagina und Penis dreht, sondern närrisch auch der, der sich – von dort unten herkommend, ohne sich mit dieser Welt bekannt zu machen – frühzeitig aus ihr verabschiedet. Kalt lächelnd der Beobachter, der einen Dualismus Trieb kontra Kultur konstruierte und der das Schicksal pubertierender Jugendlicher danach beurteilte, ob es ihnen gelänge, sich in ein kulturell lebensfeindlich eingestelltes System einzubringen und sich dessen Wünschen und Zielen anzupassen. Das Stück war an erziehende Erwachsenen adressiert, nicht unmittelbar an Jugendliche. Wer von jenen verdrängt hatte, welchen Herausforderungen er sich als Jugendlicher gegenüber sah, und wer von ihnen sich dem kulturellen Establishment unterworfen hatte, ohne je wieder dagegen aufzubegehren, dem blieb jene stille Wut eigen, die jäh gegen das ihm fremde Leben und eine ihm fremde lebendige Kunst ausbrechen konnte.

Feiern wir mit Wedekind einen Weltautor von Rang, welcher in seinen Stücken der bürgerlichen ausbeuterischen Gesellschaft, auf schwankendem und brüchigem Grund erbaut, heuchlerische Sittlichkeit und Scheinheiligkeit vorwarf. Feiern wir ihn als Avantgardist der nachfolgenden jungen expressionistischen Schriftstellergeneration, wie ihn einst, 1899, Ferdinand Hardekopf charmant verehrte: Ist es Ihnen eine Freude, zu hören, daß man sich auf Studentenbuden in Berlin N. bei Whisky und Cigaretten Gedichte aus der „Fürstin Russalka“ vorliest, dass man diese erlesenen Leckerbissen mit Gourmand-Mienen schlürft, sie diskutiert und componiert, daß man sich Ihre Bücher gekauft hat und Sie – pardon! – sogar ein bischen lieb hat. Nach einer mit Wedekind durchzechten Nacht im Leipziger Café Bauer mit Walter Hasenclever und Franz Werfel schrieb ihm Kurt Pinthus 1913 herzlich: Sie können sich kaum eine Vorstellung machen von der Ehrfurcht, mit der wir drei junge Menschen, die heute mit Ihnen zusammen sassen [!], Ihre Werke betrachten. Und ich, als der älteste dieser drei, die einsam und missachtet die Leipziger Literatur darstellen, möchte Ihnen noch in tiefer Nacht durch diese Zeilen unsere Verehrung ausdrücken.[3] Feiern wir den Dichter Frank Wedekind so, wie ihn Bertolt Brecht 1918 berühmte: Es war die enorme Lebendigkeit dieses Menschen, die Energie, die ihn befähigte, von Gelächter und Hohn überschüttet, sein ehernes Hoheslied auf die Menschlichkeit zu schaffen, die ihm auch diesen persönlichen Zauber verlieh. [...] Er gehörte mit Tolstoi und Strindberg zu den großen Erziehern des neuen Europa.[4]

Hartmut Vinçon


[1] Zitate aus: Kritische Studienausgabe der Werke Frank Wedekinds. Hrsg. v. Elke Austermühl, Rolf Kieser u. Hartmut Vinçon. Darmstadt 1996, Band 3/II, S. 1223 u. 1180f.
[2] Karl Kraus: Die Büchse der Pandora. Die Fackel 7, 1905, Nr. 182 v. 9.6., S. 1-14; hier S. 7.
[3] Die vorhergehenden Zitate aus: Hartmut Vinçon: „Am Ende war ich doch ein Poet …“ Frank Wedekind. Ein Klassiker der Literarischen Moderne. Werk und Person. Würzburg 2014, S. 257f.
[4] Bertolt Brecht. Werke. Berliner und Frankfurter Ausgabe. Berlin, Weimar, Frankfurt a. M. 1988-2000, Bd. 21 (Schriften 1914–1933), S. 35f.

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