Tilla Durieux über Wedekinds Schauspiel "Franziska"

Ein Fundstück

Franziskas Flucht ins Bürgerliche

            Der Vorhang, der Franziskas buntes Leben von dem Anfang ihrer Bürgerlichkeit trennt, fällt. Sie flüchtet aus aller Wirrnis, aus der halben Erfüllung ihrer Mädchen-sehnsuchtsträume, in die Ehe mit einem zuverlässigen Braven, und banales Zweifelslächeln zieht die Lippen der Zuschauer breit.
            Aus Goldschaum und Glanz in den Suppentopf! – Aus geistigen Waghalsigkeiten und Seiltänzen zum Küchenbuch!
            Die Möglichkeit, dass dieser Sprung gelingt, kann nur der ermessen, dessen Schritte Jahre lang über Seile – Dächer – Glasscherben glitt und dessen Balancieren der Spießer mit Grauen und – Neid bestaunte. Aber viele der in Abenteuern müde gehetzten Seelen suchen die Ruhe der Bürgerlichkeit als rettenden Hafen und aus tiefer Überzeugung, dass der Gleichklang des Tages schließlich die einzig dauernde Lebensform bleibt.
            Franziska – durchgepeitscht durch alle lärmenden Freuden – mitten in ihrer „Männlichkeit“ beim Schopf gepackt vom Weibesschicksal – kostet rasch noch das heimliche Vergnügen, den sensationslüsternen Herzog „überirdisch“ zu düpieren, ein Vergnügen, das sich seit Jahrhunderten kein großer Abenteurer entgehen ließ. Nach diesem köstlichen Erlebnis (denn was ist köstlicher als die Macht, Unfassbares – fassbar zu machen) überlässt sie ihren aufgereizten Körper der brutalen Manneskraft. |
            Doch um darin Genüge zu finden, war ihr Leben zu eng verbunden mit dem des geistmahlenden, erfolglosen Abenteurers. So sind Augenblicke der Lust bald zu arm und zu kurz für die folgende Langeweile.
            Das Kind aber, das sie sich schenkt, führt zum Alltag und – der Alltag ist schön. Er hat Zeit für kleines, das im hohen Rausch früherer Jahre nicht zu fassen war, weil es zwischen den gespreizten Fingern durchsickerte. Da sind Freuden, kleine Freuden zwar – doch ohne Opfer und Betrug errungen. Man vergleicht und sieht: dass den Begriff – klein oder groß abzuwägen – Angelegenheit des eigenen Herzens bleibt und dass die stürmenden Waghalsigkeiten zusammenschrumpfen vor den kleinen herzlichen Freuden des grauen – bunten, hässlichen – lieben Alltags.
            Der Alltag ist nicht grau, er wird für die weite, fluggewohnte Seele bunt, bunt wie die braune Wintererde, gesehen hoch oben vom Flugzeug aus. Wer da oben in den Wolken einmal saß, weiß es, dass die Erde tausend Winterfarben schenkt, doch wer immer nur auf der Erde kroch, der sieht nur die trockene, braune Scholle.
            Franziska wählt zum Schluss den unkomplizierten, tapferen Menschen, der einfach das große Krumme mit beiden Händen fasst und gerade biegt und klug genug ist, an Franziska zu glauben, wenn sie erzählt: „Braun sei bunt!“
            Aller Lärm ist vorbei – es wölbt sich vor ihr ein breites einfaches Dach: der Alltag – die Bürgerlichkeit. Sie weiß: die wildesten Herzen, die sehnsüchtigsten Seelen, der Jasager und der Neinsager, sie können unter diesem Dach geborgen schlafen.

(Aus: Zwischenakt. Theater in der Königgrätzer Straße. Komödienhaus. Theater am Nollen-dorfplatz. 6, Heft 14, November 1926, S. 1-2)

Zurück