Und wie reagierte die Presse auf die Münchner Franziska-Premiere

Eine Interpretation versucht Andreas Kriegenburg erst gar nicht, denn Wedekinds Protest-Machwerk kann man beim besten Willen nicht ernst nehmen. Er macht es parodistisch zur artifiziellen Lachnummern-Revue …
Gabriella Lorenz. Münchner Abendzeitung, 09.12.2012

Albern, wenn nicht unsäglich: Egbert Tholls Interview mit der Hauptdarstellerin der Franziska, Brigitte Hobmeier: "Eine Welt voller monsterartiger Menschen". Süddeutsche Zeitung. 7.12.2012

Kritisch, Sven Ricklefs: Frank Wedekinds Drama "Franziska" ist als böse Persiflage einer dekadent-giersüchtigen Gesellschaft angelegt und entwickelt sich in Andreas Kriegenburgs Inszenierung an den Münchner Kammerspielen zu einem spaßfreudigen Karikaturenpark. Deutschlandfunk. Kultur heute. 8.12.2012

Ein "Lob der Albernheit" zollt Joseph von Westphalen Kriegenburgs Inszenierung: Man habe "nicht nur knapp drei Stunden einen Schwank mit köstlicher Berlinverarschung und anderem herrlichen Unsinn vorgeführt bekommen ... Das Wunder dieser Inszenierung ist, dass die Albernheiten nicht nur zum Schieflachen sind ... Das Fuchteln der kolossalen Festwänste mit den Armen ist rührend und entzückend. Wenn sie erstaunlich behende auf der Bühne herumturnen, ist das kein Gag, sondern ein wunderbar lebendes expressionistisches Bild, ein Ballett der Extraklasse, an dem man sich nicht sattsehen kann. Auch Goethes Faust ist doch eigentlich ein dämlich überzogenes Stück, oder? Ich würde es gern mit diesen dick wattierten Schauspielern ... inszeniert sehen." (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 9.12.2012)

Auf den Punkt gebracht, Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung:
Ein grelles Kaladeidoskop aus kabaretistisch-komischen, mit autobiografischen und zeitkritischen Anspielungen reich gespickten, keck zwischen Kolportage, Kunstkommentar und Klamauk schweifenden Szenen - ein fast postmodernes Vexierspiel, ein Bastard von Stück ... Und nach drei Stunden wahrlich fetter Theatersause lässt sich sagen: Gefehlt hat dieses selten gespielte Stückwerk auf der Bühne nicht. Zumindest nicht, wenn es inhaltlich so hohl, wirr und unausgelotet bleibt wie in der spaßwütigen, ganz auf den Schau- und Showeffekt des Stoffes zielenden Inszenierung von Andreas Kriegenburg. Dessen zirzensischer Lust an Stummfilmkomik, Massentheater und Körperakrobatik kommt Wedekinds skurriler Bilderbogen zwar zunächst einmal sehr entgegen - und es gelingen ihm wirklich brüllend komische Szenen - , aber da Kriegenburg inszenatorisch buchstäblich zu dick aufträgt, ächzt der Abend zunehmend unter Übergewicht ... Auch bei Kriegenburg wäre besser mal jemand (dramaturgisch) eingeschritten, denn immer aufgedunsener und anstrengender wird seine Inszenierung, sie franst aus, verheddert und verleppert sich und verliert sich in der Parodie von Max Reinhardts Massentheater schließlich gänzlich im klamaukigen Getümmel. Aber nicht nur die Geschichte, auch Franziska - als Mensch, als Frau, als Wunschprojektion und Fragestellung - geht verloren. Da mag Brigitte Hobmeier sich noch so fulminant ins Zeug werfen und am Ende, blutverschmiert und allein, über die Bühne rutschen: Zum Leben erweckt wurde Wedekinds "Franziska" nicht, nur zum Spielen.(Voll das Leben. Adipositas theatralis: Andreas Kriegenburg macht an den Münchner Kammerspielen aus Frank Wedekinds "Franziska" eine fette Sache. So lustig das ist - das Stück wirkt aufgeblasen. (SZ. 10.12.2012)

Und der dem Prekariat offensichtlich entronnene Paul Jandl schreibt: "Ich will leben!", dröhnt es zu Beginn von der Bühne, und leben, das darf Brigitte Hobmeier dann auch für die restlichen dreieinhalb Stunden. Als lüsterne Femme fatale oder als zarter Clown bewegt sie sich virtuos zwischen den wedekindschen und kriegenburgschen Knallchargen, und sie hat dabei die einzige echte Rolle. Mit jeder Bewegung und jedem Wort ist sie der Spiegel, in dem aus dieser grotesken Welt wieder die Wirklichkeit wird ...
Alles gegen die Doppelmoralisten, aber gegen die Bourgeoisie muss man ja heute auch nicht mehr wirklich etwas sagen. Dass man sich zwischen einem entkräfteten Mittelstand und den sogenannten oberen Zehntausend (stimmt die Zahl noch?) einmal ein ideologisch und intellektuell gut durchblutetes Bürgertum zurückwünschen wird, konnte Wedekind vielleicht nicht ahnen ...
Was vor hundert Jahren noch ein emanzipatorischer Skandal gewesen wäre, ist heute nur noch eine prekariatsgefährdete Alltäglichkeit ... Die Welt. 11.12.2012

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